Zweiter Weltkrieg
Beginn des Zweiten Weltkrieges
Politiker in einigen europäischen Staaten, darunter auch einige an der Macht, betreiben heutzutage aktiv revisionistische Ideen. Sie sind auf der Suche nach denjenigen im Ausland, die für eigenes Versagen für schuldig erklärt werden können. Die einseitige Darlegung der geschichtlichen Ereignisse und deren Verdrehung sind bereits zu einem Instrument geworden, mit dem versucht wird, Abneigung gegen unser Land zu verbreiten und damit politisch zu punkten. Ein sprechendes Beispiel dieser verwerflichen Politik ist das aufdringliche Bestreben, trotz historischer Fakten die gleiche Verantwortung für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges wie die des Nazideutschlands auf die Sowjetunion abzuwälzen. Zu diesem Zweck werden einige historische Ereignisse verschwiegen und andere wiederum zu sehr in den Vordergrund geschoben.
Solche geschichtliche Verdrehungen wären Mitte des vergangenen Jahrhunderts, als die Zeugen dieser Ereignisse noch am Leben waren, chancenlos geblieben. Sie waren nämlich voller Bewunderung für den aufopfernden Kampf der Roten Armee gegen Nazideutschland (Fußnote 1).
Es ist nun mal so, dass man die Gründe für den Zweiten Weltkrieg im Ausgang des Ersten Weltkriegs suchen soll sowie in späteren politischen Entwicklungen in Europa, aber auch in Fernost und in Asien. Man muss also den gesamten Kontext der damaligen Ereignisse in Betracht ziehen.
Das Ende des Ersten Weltkrieges markierte den Zerfall von Deutschland, Österreich-Ungarn, von dem Osmanischen Reich und von dem Russischen Reich. Neue Staaten tauchten auf der Landkarte auf, darunter auch solche, die früher zu Russland gehörten wie, Polen, Finnland und baltische Staaten (Fußnote 2). Unser Land beteiligte sich wegen der Revolution nicht am Versailler Vertrag von 1919 (Fußnote 3). Die Bedingungen des Friedensvertrages waren für Deutschland dermaßen demütigend, dass sie später den Nährboden für radikale revanchistische Stimmungen bildeten (Fußnote 4). Die Nazis nutzten diese Stimmungen aus und gingen mit den antisowjetischen Sentiments westlicher Staaten geschickt um.
Nach der sozialistischen Revolution 1917 in Russland wurde im kapitalistischen Westen keinen Hehl daraus gemacht, dass der Bolschewismus im Keim erstickt werden soll. Die Leader im Westen griffen zu militärischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Mitteln und verfolgten die Strategie, die auf die Vernichtung der UdSSR mit Hitlers Hilfe zielte. In dieser Zeit entstanden eine Reihe bilateraler Abkommen und sonstiger Vereinbarungen mit Deutschland, welche zum Zweck hatten, nationalsozialistische Aggression gen Osten zu richten, i.e. Hitler gegen die Sowjetunion zu hetzen (Fußnote 5).
Eine wesentliche Rolle in diesem gegenüber der Sowjetunion aggressiven politischen Umfeld spielte Polen, dessen blinder Antisowjetismus das Land in die Einflusszone Hitlers trieb.
Wie schon erwähnt, wurde Polen nach Ende des Ersten Weltkrieges zu einem souveränen Staat. Von 1918 bis 1939 betrieb Polen eine aggressive Politik eines nationalistischen Staates und setzte Vertreter anderer nationaler Minderheiten massiv unter Druck. Massenweise Assimilierung der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung mit Abschaffung von nationalen Schulen ist eine Tatsache (Fußnote 6). Gegenüber Juden übte Polen, im Grunde, Rassensegregierung aus. Sogar im Jahr 1937 flohen Juden nach Deutschland, trotz der dort eingeführten restriktiven Maßnahmen, weil es in Polen schlimmer war.
Die damalige polnische Regierung spielte mit dem Gedanken, die Staatsgrenzen durch Einverleibung von Weißrussland, der Ukraine und Litauen so zu erweitern, dass sie denen des Staates Polen-Litauen aus dem 17. Jahrhundert entsprechen würden. Ferner strebte die polnische Führung eine dominierende Position in Osteuropa an. Dies verursachte den sowjetisch-polnischen Krieg (1919-1921). Polnische antibolschewistische Propaganda beruhte damals auf Antisemitismus (Fußnote 7). Während des Krieges führten polnische Soldaten ethnische Säuberungen durch, die meist gegen Juden gerichtet waren. Es kam zu Hinrichtungen unter der Zivilbevölkerung.
Die Regierung Polens brachte es nicht fertig, all ihre Ziele in diesem Konflikt zu erreichen. Nichtsdestotrotz musste die Sowjetunion Warschau einige Gebiete in Weißrussland und der Ukraine abgeben. Das Territorium Litauens wurde ebenfalls unter Polen und dem unabhängigen Staat Litauen geteilt (Fußnote 8).
130 Tausend sowjetische Soldaten gerieten damals in die polnische Gefangenschaft. 80 Tausend davon starben an Hunger, Kälte und Epidemien. Unmenschliche Haftbedingungen für unsere Bürger wurden vom Internationalen Roten Kreuz festgestellt (Fußnote 9). Gemäß der Anordnung des Verteidigungsministeriums Polens wurden Gefangene in den Lagern nach ethnischem Prinzip untergebracht. Die schlimmsten Bedingungen galten dabei Russen und Juden.
So entstand aus den Trümmern des Russischen Reiches entlang unserer westlichen Grenzen in den 20er-30er Jahren eine Pufferzone mit neuen Staaten, in denen meist nationalistische Regime herrschten mit vorwiegend aggressiver Haltung gegenüber der Sowjetunion. Der flächengrößte von diesen Staaten war Polen, an das Russland westliche Regionen Weißrusslands und der Ukraine abtreten musste.
Wie Großbritannien und Frankreich in Wirklichkeit gegenüber Polen gesinnt waren, zeigten die Verträge von Locarno (1925) (Fußnote 10). Damals schon galt in Bezug auf Deutschlands Grenzen: die westlichen sind unantastbar, an den östlichen haben die Deutschen freie Hand, weil diese in keiner Weise vereinbart und garantiert waren. Mit anderen Worten: der wachsende deutsche Revanchismus wurde nicht unterdrückt, sondern in die „richtige“, also östliche Richtung gelenkt.
Am 29. September 1938 fand in München eine Konferenz statt, an der Nazideutschland, das faschistische Italien, Grossbritannien und Frankreich einen Vertrag unterzeichneten. Als dessen Folge wurde im März 1939 die Tschechoslowakei zwischen Deutschland, Polen und Ungarn zuerst aufgeteilt und später vollständig als unabhängiger Staat abgeschafft (Fußnote 11).
Diese Handlungen, die Hitlers Drang gegen Osten offenbarten, wurden zum wahren Vorspiel des Zweiten Weltkrieges. Damit war die Schaffung einer Anti-Hitler-Koalition unmöglich geworden. Bemerkenswert ist, wie Churchill das Geschehene in einer Rede im House of Commons zusammenfasste: Als es gegolten habe, zwischen Schande und Krieg zu wählen, habe sich Premierminister Chamberlain für die Schande entschieden – und werde trotzdem den Krieg bekommen. Die Geschichte gab ihm recht.
Am 23. September 1938, vor der polnischen Annexion des tschechoslowakischen Teschen-Gebietes, teilte die Sowjetunion Polen mit, dass im Falle einer polnischen Intervention in der Tschechoslowakei der sowjetisch-polnischen Nichtangriffspakt gekündigt werde. Warschau erwiderte damals, dass dieser für Polen keine große Rolle spiel. Mehr noch: Die polnische Regierung tat alles, um zu verhindern, dass Moskau der Tschechoslowakei militärische Hilfe leistete (Fußnote 12).
Fakt ist, dass die UdSSR nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland auf eine Politik der gesamteuropäischen Kollektivsicherheit setzte. Die sowjetische Regierung unterstützte 1934 die Initiative des französischen Außenministers Louis Barthou, der alle mittel- und osteuropäischen Staaten, einschließlich der Sowjetunion und Deutschlands, an einem Pacte de l’Est beteiligen wollte. Hitler lehnte diesen Vertrag rundheraus ab. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass Hitler dabei eifrig von Polen unterstützt wurde. Die Deutschen förderten die antisowjetischen Stimmungen in Warschau. Sie gaben den Polen 1938 einen Teil der Tschechoslowakei und versprachen ihnen später die sowjetische Ukraine und den Zugang zum Schwarzen Meer. Das lässt sich nachlesen in den Gesprächsprotokollen der Außenminister Deutschlands und Polens, Joachim von Ribbentrop und Józef Beck, vom Januar 1939 in Warschau (Fußnote 13).
Im Frühling 1939 setzte sich Polen an den Verhandlungstisch mit Großbritannien, dem Hauptfeind Deutschlands zu der Zeit. London versprach Warschau, zusammen mit Frankreich als Garanten der Sicherheit Polens aufzutreten. Am 6. April 1939 wurde ein entsprechendes Abkommen abgeschlossen. Churchill schrieb in seinem Buch „Zweiter Weltkrieg“: „Und nun bieten England mit Frankreich an, die territoriale Unversehrtheit Polens zu garantieren – Polen, das sich ein halbes Jahr zuvor mit dem Appetit einer Hyäne an Raub und Zerstörung des tschechoslowakischen Staates beteiligte.“
An der Schwelle zum Krieg, am 17. April 1939, kam es in Moskau zu Verhandlungen mit Frankreich und Großbritannien, mit dem Ziel, doch noch eine Anti-Hitler-Koalition in die Wege zu leiten. Diese scheiterten, weil London keine Anstalten machte, sich mit Moskau zu verständigen. Die Briten sahen in Hitler damals lediglich einen widerspenstigen Alliierten, dem es mit einem hypothetischen Bündnis mit den Russen Angst einzujagen galt.
Die Strategie der westlichen Länder blockierte de facto jeglichen Anti-Hitler Widerstand. Sie wirkte darauf hin, die UdSSR in eine geopolitische Ecke zu treiben und sie um die Initiative zu bringen.
Erst nachdem die sowjetische Führung sich endgültig von der Aussichtslosigkeit der Gespräche mit London und Paris überzeugt hatte, nahm sie direkte Verhandlungen mit Deutschland auf. Andere Optionen, für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, blieben der Sowjetunion nicht. Am 23. August 1939 traf in Moskau eilig Außenminister von Ribbentrop ein. Die deutschen Diplomaten machten beispiellose Konzessionen an die sowjetischen Vertreter um Außenminister Molotow, um die sowjetische Neutralität in der polnischen Kampagne zu sichern (Fußnote 14).
Diese taktische Einigung mit Berlin gewährte der Sowjetunion anderthalb Jahre Frieden und ermöglichte es ihr, die Grenze zu Deutschland Richtung Westen zu verschieben. Die wichtigste Aufgabe zu der Zeit war die Gewährleistung der nationalen Sicherheit. Keiner glaubte wirklich an einen dauerhaften Frieden (Fußnote 15).
Bemerkenswert ist, dass die Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes in Warschau keine großen Wellen schlug – im Gegensatz zu Tokio, wo sie heftig verurteilt wurde. Japan setzte damals seine Eroberungspläne in Mongolei und China durch und lieferte sich Gefechte mit der Sowjetunion am Chalchin Gol. Eben dieser Schritt hielt Japan vom Angriff auf die UdSSR vom Osten 1941 ab (Fußnote 16). Somit wurde ein Krieg an zwei Fronten vermieden.
Nur eine Woche, nach dem der Molotow-Ribbentrop-Pakt besiegelt worden war, brach am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Zwei Tage später erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg, ließen aber von aktiven militärischen Handlungen ab. Dies wurde zur größten Niederlage für westliche Staaten und Polen. Im Bestreben, sich selber zu schützen und Deutschland zum Überfall auf die Sowjetunion anzuspornen, fielen sie ihren eigenen Intrigen zum Opfer. Später musste die Sowjetunion die grausamsten Schläge von Nazideutschland über sich ergehen lassen. Auf ihrem Territorium wurden die größten Schlachten des Krieges ausgetragen, die auch dessen Ausgang bestimmten. Es ist deshalb vollkommen gerechtfertigt, dass die Rote Armee dank Tapferkeit und Selbstlosigkeit ihrer Soldaten mit dem Sturmangriff auf Berlin den Krieg siegreich beendete. Dabei haben wir beim Sieg niemals zwischen „unserem“ und „fremdem“ unterschieden. Der Beitrag der Alliierten – all jener, die Schulter an Schulter gegen den Nazismus für Wahrheit und Gerechtigkeit gekämpft hatten – wurde stets hochgeschätzt.
Für den Sieg zahlte die Sowjetunion einen ungeheuren Preis. Die Zahl der Opfer war kolossal – 27 Millionen Tote waren zu beklagen. Das ist eine grauenvolle Zahl, die jene der Bevölkerung der Schweiz um mehr als das Dreifache übertrifft. In Russland gibt es keine einzige Familie, die vom Konflikt nicht betroffen war. Gerade deshalb ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, in Russland „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt, nach wie vor so präsent.
Es sind historische Fakten, die hier dargelegt sind, die zu ändern niemand in der Lage ist. Es ist wichtig, sich an die Geschichte zu erinnern, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Die historischen Tatsachen dürfen nicht verdreht und instrumentalisiert werden für tagespolitischen Zwecke. Heute ist die Welt, wie sie es auch schon damals war, durch wechselseitige Verbindungen geprägt. Für eine harmonische Entwicklung braucht es deshalb eine Zusammenarbeit mit Verzicht auf Alleingänge.
Russland war und bleibt ein Teil des europäischen Kontinents. Uns verbindet so vieles: kulturell, historisch und menschlich. Offen sind wir auch für die Schaffung eines gemeinsamen wirtschaftlichen und humanitären Raums vom Pazifik bis zum Atlantik. Im breiteren Kontext sehen wir auch Perspektiven für die Gründung einer großen eurasischen Partnerschaft. Zweifelsohne soll diese Zusammenarbeit auf einer für beide Seiten vorteilhaften Grundlage beruhen, im Verlaufe eines vertrauensvollen Dialoges auf Augenhöhe und nicht in der Sprache der Drohungen und Ultimaten.

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