Zweiter Weltkrieg

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Kommentar der Botschaft im Zusammenhang mit der Publikation „Sagen Sie nicht, ich sei ein Held“ („NZZ am Sonntag“)

Wir sind auf den Artikel „Sagen Sie nicht, ich sei ein Held“ vom Keith Lowe, erschienen am 26. April 2020 in der „NZZ am Sonntag“, aufmerksam geworden. Darin werden neben glatten Lügen auch durch keine Beweise gestützte Gerüchte im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg verbreitet. 

So behauptet der Autor ohne jeden Skrupel, Präsident Russlands Wladimir Putin habe eine Gedenkfeier in Polen zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz boykottiert.

In Wirklichkeit war es genau umgekehrt. Die polnische Regierung boykottierte demonstrativ die Einladung zur dieser Veranstaltung eines Vertreters Russlands, direkten Nachfolger der Sowjetunion, deren Soldaten die von den Nazis gegründete Mordfabrik befreit hatten.

 Was das haltlose Gerücht betrifft, wonach die sowjetischen Soldaten vor 75 Jahren bei Befreiung Europas von Hitler-Eroberern Massenvergewaltigungen verübt hatten, so ist es ein glasklarer propagandistischer Zug, der auch bei weitem nicht neu ist. Seine Ursprünge findet dieses Gerücht bereits in der Goebbelschen Propaganda als die Rote Armee noch nicht in das Nazi-Deutschland einmarschiert war. Später versuchten auch die westlichen Mächte, diese Desinformationskampagne aufzugreifen und scheiterten dabei kläglich. Die Menschen hatten noch ganz gut in Erinnerung, welchen Beitrag zum Sieg über Hitler und zum Wiederaufbau des normalen Lebens in vielen europäischen Staaten die Russen geleistet hatten. Man darf auch den Befehl des Obersten Befehlshabers vom 19. Januar 1945 "Zur Verhinderung der groben Behandlung der örtlichen Bevölkerung" nicht vergessen, der für die Übertreter die härteste Strafe vorsah - bis hin zur Erschießung. Eiserne Disziplin in der Roten Armee lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Befehl auch strikt umgesetzt wurde.

Die von Goebbels seinerzeit eingebrachte propagandistische Lüge über angebliche Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten taucht gerade heutzutage mit neuer Kraft wieder auf, weil nicht mehr viele Zeugen der damaligen Ereignisse am Leben sind.

Wenden wir uns in diesem Fall an schriftliche Überlieferungen der Zeitzeugen. Wohl keiner wird die Worte von Osmar White, einem berühmten australischen Militärjournalisten anzweifeln. In seinem Buch Conqueror’s Road (Die Strasse des Siegers) schrieb er über Plünderungen und Vergewaltigungen von britischen und amerikanischen Soldaten. „Nachdem die Kampfhandlungen auf den deutschen Boden übergingen, begangen die Soldaten an der Front und die, die ihnen folgten nicht wenige Vergewaltigungen… Die Juristen waren diskret, gaben jedoch zu, dass wegen brutalen und perversen Geschlechtsakten mit deutschen Frauen einige Soldaten erschossen wurden (besonders wenn es bei den Straftätern um Afroamerikaner handelte). Ich wusste jedoch, dass viele Frauen von weissen Amerikanern vergewaltigt wurden. Gegen diese Männer wurde nichts unternommen….  Die Soldaten einer amerikanischen Einheit, welche den Konzentrationslager Buchenwald im April befreiten, schliefen mit deutschen Frauen schon im Mai. Sie prahlten selbst davon. Als der Lager geräumt  und in ein Zentrum für Displaced People verwandelt wurde, stattete man die Baracken, in denen viele Osteuropäer an Hunger und Krankheit ihren Tod gestorben waren, mit geraubtem Möbel aus Weimar aus und verwandelte sie in ein Bordell“. 

Über sowjetische Soldaten schrieb Osmar White Folgendes: „In der Roten Armee herrscht eiserne Disziplin… Dank der Russen, die über eine weitreichende Erfahrung bei der Lösung von solchen Problemen in ihren eigenen, durch den Krieg verwüsteten Städten verfügten, wurde die Ausbreitung von Epidemien unter Kontrolle gebracht.   Ich bin mir sicher, dass die Sowjets in jenen Tagen viel mehr getan haben damit Berlin überlebte, als es an ihrer Stelle die Briten und Amerikaner je vermocht hätten. Noch bevor die Alliierten in ihre Besatzungszonen einmarschierten, unterstützten die Sowjets die Öffnung von Grundschulen in den am wenigsten zerstörten Bezirken, indem sie Lehrerinnen und Lehrer beschäftigten, welche sich keine aktive Nazi-Tätigkeit in ihrer Laufbahn zu Schulden kommen ließen. Westlich der Elbe (Verantwortungsbereich der Alliierten) verzögerte sich die Schulöffnung um Monate“.

Nur wenige westliche Journalisten nennen in ihren Artikeln die Zahl der Opfer auf Seiten der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg.  Aber es sind gerade diese Zahlen, die eine grundlegende, dokumentierte Tatsache darstellen, wie unser Land in diesem Konflikt involviert gewesen war.

Eine solche Herangehensweise lässt uns eine Schlussfolgerung ziehen, dass das Ziel sowohl dieses Artikels, als auch anderer ähnlicher Publikationen darin besteht, den Leserinnen und Lesern nicht die Wahrheit zu erzählen, sondern die entscheidende Rolle der Roten Armee bei der Zerschlagung des faschistischen Deutschlands zu schmälern, die sowjetischen Soldaten und das heutige Russland anzuschwärzen wegen des Andenkens, das unser Volk so lebhaft bewahrt. Die von Goebbels seinerzeit gestartete Desinformationskampagne gewinnt hier und jetzt ein neues Leben.

In Russland gibt es keine einzige Familie, die unter diesem Konflikt nicht gelitten hätte. Deshalb ist er auch so stark im Volksgedächtnis eingeprägt, und jeder Versuch, das Andenken zu beleidigen, ist für uns inakzeptabel. Denn der Sieg in diesem Krieg, in Russland „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt, ist für uns ein heiliges Ereignis, welches mit riesigen Menschenverlusten, deren Anzahl über 26 Mio. beträgt, darunter 8.7 Mio. Militärangehörige, sowie mit dem unfassbaren Leid durch Gräueltaten von Nazis auf unserem Territorium, das alle Völker erleiden mussten, verbunden ist. Denken Sie darüber nach, die Verluste der Zivilbevölkerung – und zwar der Frauen, betagten Personen und Kinder – betrugen mehr als 17 Mio. Personen. Sie wurden gequält, erschossen oder lebendig mit ganzen Dörfern verbrannt. Es gibt zahlreiche Dokumente, die das beweisen.

Es ist traurig zu sagen, dass alle diese Versuche, uns zu verleumden, perfekt in den Rahmen jener Doppelmoral passen, die im Westen damals sowie jetzt praktiziert wurde und nach wie vor wird. So, im April 1945, als sich die sowjetischen Soldaten mit Kämpfen nach Berlin durchschlugen und ihre Leben opferten, um die Welt von der braunen Pest zu befreien, wurde in London die Operation „Undenkbar“ (Unthinkable) vorbereitet, die einen Angriff auf die Sowjetunion unmittelbar nach unserem Sieg über Hitler vorsah. Damit dies durchgeführt werden könnte, war es geplant, die Gefangenen aus Wehrmacht-Einheiten einzusetzen, die speziell dafür in Lagern in Alarmbereitschaft blieben. Zudem wurden auch mögliche Nuklearschläge gegen unser Land erwägt. Allerdings wurden diese Pläne nie zur Realität, unter anderem weil die westlichen Länder nach der absolut aufrichtigen Begeisterung durch die ziemlich unglaublichen Siege der Roten Armee die Stimmung ihrer Völker und Soldaten nicht ändern konnten.

Indem mehr und mehr Dokumente aus dieser Zeit freigegeben werden, wird der Zynismus unserer westlichen Partner immer deutlicher. Aber während des historischen Kriegs, der gegen uns ausgelöst wurde, versucht man, Tatsachen zu ignorieren – und das ist die Wahrheit, die für den Westen sehr unbequem ist.

Was die Erwähnungen von Polen im Artikel von K.Lowe betrifft, so haben wir über die Rolle dieses Landes bei der Schaffung der Voraussetzungen für den Beginn des Zweiten Weltkriegs bereits geschrieben (sieh unsere Publikationen Beginn des Zweiten Weltkrieges und Kriegsschuld). Bemerkenswert, dass die Briten bei der Vorbereitung des Plans „Undenkbar“ eine besondere Funktion Polen zuwiesen – es musste zum Brückenkopf des Angriffs auf die Sowjetunion werden. Dafür wollte man in Warschau eine durch London kontrollierbare Regierung installieren, die feindlich gegen Moskau gesinnt wäre. Das beantwortet übrigens die Frage, warum J.Stalin einen „Sicherheitspuffer“ an den Grenzen der UdSSR dermassen anstrebte. Wie wir sehen, ging es um eine völlig nüchterne und gerechtfertigte Risikoberechnung. Auf solcher Weise wollten unsere Alliierten gegen die Sowjetunion in einem vorwiegend Stellvertreterkrieg kämpfen, bis zum letzten Polen oder Deutschen. Dabei kann man berechtigte Parallelen zur Gegenwart ziehen – die Taktik unserer Partner verändert sich mit den Jahren nicht, aber das ist schon eine andere Geschichte


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